Leseprobe


»Nicht einsteigen!«, rief ich, als ich aus demselben Albtraum erwachte, der mich seit Monaten jede Nacht marterte. Ich schaltete das Licht ein und bemerkte erleichtert den Kopf meiner Hündin Hazel auf der Bettkante ruhen und treu ergeben zu mir aufblicken. Gedankenverloren holte ich sie in mein Bett, um mich an ihren warmen Körper zu kuscheln – das linderte den Schmerz und ich fühlte mich zumindest ein kleines bisschen besser.
Den Unfall, bei dem meine Eltern vor genau fünf Monaten gestorben waren, durchlebte ich seither jede Nacht aufs Neue in meinen Träumen. Zuerst waren da immer ihre lachenden Gesichter, wie sie überglücklich am Geburtstag meiner Mutter in den Hubschrauber stiegen, um einen Rundflug über Berlin zu unternehmen. Mein Vater hatte extra den Champagnerflug für zwei gebucht. Ständig hallte seine Stimme in meinem Kopf wider, als er kurz vor dem Abflug zu meiner Mutter sagte: »Das wird richtig romantisch.«
Ich verfolgte alles vom Flugplatz aus, beaufsichtigt von einem anderen Piloten, der gerade seinen Hubschrauber für spätere Gäste vorbereitete. Doch kaum hatte sich der mächtige Hubschrauber in die Lüfte erhoben, begann er auch schon zu schwanken. Das Schlingern wurde von Sekunde zu Sekunde stärker und schon bald schleuderte der Hubschrauber in großen Kreisen über unseren Köpfen, während ich wie angewurzelt dastand und mit offenem Mund darauf wartete, dass der Pilot endlich die Kontrolle wiedererlangte.
Erst als mich ein fremder Mann am Arm riss und in Richtung Hangar schleifte, ahnte ich, was gleich geschehen würde. Und keine fünf Sekunden, nachdem er uns in Sicherheit gebracht hatte, musste ich mit ansehen, wie der Hubschrauber mit meiner Mutter und meinem Vater darin auf der Landebahn des Flugplatzes in tausend Stücke zerschellte. Wie in Zeitlupe sah ich die metallenen Trümmer umherfliegen und glaubte in jedem von ihnen die vor Angst verzerrten Gesichter meiner Eltern zu erkennen.
Genau in diesem Augenblick erwachte ich jedes Mal voller Schrecken.
Der Gerichtsmediziner vermutete einen Herzinfarkt des Piloten als Ursache für das Unglück – wie es seither von jedem bezeichnet wurde. Auch wenn dieses phrasenhafte Wort nicht annähernd die Ausmaße meines Leides beschreiben konnte.
»Aven? Hast du wieder schlecht geträumt?«, flüsterte Tante Veronika hinter meiner angelehnten Zimmertür.
Ich lebte nun bereits seit fünf Monaten bei Veronika und ihrem Mann Gabriel, meinen letzten beiden Verwandten, in einem ehemaligen Forsthaus im brandenburgischen Verlorenort.
Die beiden hatten das ganze Haus renovieren und anschließend von einem Innenarchitekten geschmackvoll einrichten lassen. Nur das rustikale Kaminzimmer erinnerte noch daran, dass früher einmal ein Förster hier gelebt hatte.
»Ja, aber ich komm schon zurecht, ich hab Hazel hier. Geh ruhig wieder schlafen, Tante Veronika.«
Mir war jetzt nicht nach Reden zumute, ich wollte so schnell wie möglich alles verdrängen.
»Ruf einfach, wenn du irgendetwas brauchst, Schätzchen, wir sind für dich da«, versicherte sie mir in besorgtem Ton.
Irgendwann siegte die Müdigkeit über meine aufgewühlten Gedanken und ich fiel wieder in einen unruhigen Schlaf.

Als ich erwachte, führte mich mein erster Weg in mein eigenes kleines Badezimmer. Ich brauchte dringend eine lange heiße Dusche, um den Tag zu überstehen. Glücklicherweise waren gerade Sommerferien und ich musste nicht in die Schule, in der ich seit dem ersten Tag und ohne ersichtlichen Grund wie eine Aussätzige behandelt wurde.
Die heiße Dusche tat gut und entspannte meine steifen, müden Glieder. Das Bild im Spiegel hingegen war erschütternd: geschwollene und gerötete Augen, darunter tiefblaue Ringe, die im allzu starken Kontrast zu dem bleichen Gesicht standen, umrandet von völlig zerzausten Haaren. Der Zombie, der mir hier mit trauriger Miene entgegenblickte, ließ die vertraute Ähnlichkeit mit meinen Eltern fast vollständig verblassen. Die Mischung aus den gewellten karamellfarbenen Haaren meines Vaters, den dunkelgrünen Augen und der geraden Nase meiner Mutter. Dafür stachen die Sommersprossen auf meiner Nase heute besonders unangenehm hervor.
Ich zog mir meinen bequemsten Pulli und meine Lieblingsjeans an, die Haare band ich zu einem Zopf, was mir die Kämmtortur vor dem Frühstück ersparte, und verließ das Bad möglichst schnell, um nicht aus Versehen erneut in den Spiegel zu schauen.
In der Küche wartete auf Hazel und mich bereits ein leckeres Frühstück. Die Haushälterin Martha bereitete nicht nur exzellentes Essen zu, sie war in der kurzen Zeit meines Aufenthaltes im Forsthaus zu meiner wichtigsten Zuhörerin und Ratgeberin geworden.
Auch Gabriel hielt sich in der Küche auf, er saß an der Theke, trank Kaffee und las die Zeitung.
Ich setzte mich neben ihn und wünschte ihm einen guten Morgen, was er mit einem Murmeln erwiderte. Gleich vom ersten Tag an wurde ich das Gefühl nicht los, dass Gabriel mich eigentlich gar nicht hier haben wollte. Er war immer abweisend, sprach kaum mit mir und zog sich die meiste Zeit in sein Arbeitszimmer zurück.
Mit Veronika verstand ich mich wesentlich besser, sie versuchte zumindest, so etwas wie eine Familie für mich zu sein. Dabei kannte ich die beiden eigentlich überhaupt nicht. Mein Vater hatte den Kontakt zu seiner Schwester und ihrem Mann schon vor dreizehn Jahren abgebrochen, da war ich gerade einmal drei gewesen. Daher fehlte mir jegliche Erinnerung an die beiden, und nun musste ich mit ihnen leben. Allerdings nicht mehr lange, denn ihnen gehörte eine erfolgreiche Hotelkette, für die sie ständig in Europa umherreisen mussten. Schon in wenigen Tagen würden sie wieder ihr gewohntes Leben aufnehmen und mich allein mit Martha zurücklassen.
»Schon wieder neue Sichtungen von Wölfen im Wald. Warum passiert das immer nur irgendwelchen Hinterwäldlern aus der Gegend und nie mir, wenn ich mit meiner Flinte nach diesen Biestern suche?«, schimpfte Gabriel und schlug die Zeitung geräuschvoll zu.
»Vielleicht sind die Wölfe ja schlauer als du«, nuschelte ich leise.
»Als ob du auch nur die geringste Ahnung von der Jagd hättet. Du wagst dich doch keine fünf Meter weit in den Wald hinein.«
»Falls du das vergessen hast, Onkel Gabriel, Veronika hat mir verboten, in den Wald zu gehen«, gab ich wütend zurück.
»Sie ist nicht deine Mutter, also wieso hörst du überhaupt auf sie? Außerdem bist du ein Teenie, sei rebellisch, geh in den Wald oder lauf davon …«
»Gabriel!«, stieß Veronika scharf hervor.
Keiner von uns hatte gemerkt, dass sie in der offenen Küchentür stand. Ich fragte mich, wie viel von unserer kleinen Unterhaltung sie wohl mitbekommen hatte. Hoffentlich genug, um Gabriel eine ordentliche Standpauke zu halten.
»Ich geh mit Hazel spazieren«, sagte ich und verschwand schnell aus der Küche.
Draußen wusste ich zunächst nicht, wohin ich gehen sollte. Das kleine Kaff Verlorenort, in dem ich nun zwangsweise lebte, hatte nicht viel mehr als Wälder, einen Kanal der im Nirgendwo in einem See mündete und einen winzigen Ortskern zu bieten. Zu gerne wäre ich in das kleine verfallene Haus gegangen, in dem mein Vater und Veronika aufgewachsen waren, aber Veronikas Erinnerungen an ihre ärmliche Kindheit waren so schmerzlich, dass ich nicht sehen sollte, wie sie damals leben mussten.
In einer Sache widersetzte ich mich ihr dennoch, ich wollte unbedingt in den Wald. Jeden Tag sah ich die malerischen Pfade, die umrahmt vom grünen Dach der Baumkronen tief hinein ins Unbekannte führten. Ich hörte die Blätter, die im Wind raschelten und das liebliche Zwitschern der Vögel, die mich zu sich zu locken schienen. Als wollten sie mir versprechen, dass alles wieder gut werden würde, wenn ich bloß endlich zu ihnen käme. Ich konnte und wollte der Verlockung nicht länger widerstehen, also folgte ich schließlich einem Pfad, von dem ich zu wissen glaubte, dass er durch den Wald um das Grundstück des Forsthauses herumführte.

Kopflos lief ich immer weiter in den Wald hinein, ohne auch nur im Geringsten darauf zu achten, was um mich herum geschah. Ich warf lediglich hin und wieder einen Blick auf Hazel, schließlich wollte ich nicht, dass wir uns versehentlich aus den Augen verloren, und insgeheim vertraute ich auch darauf, dass sie mich schon auf dem rechten Pfad entlang leiten würde. Meine Gedanken kreisten ununterbrochen um meine Eltern und mein einstiges Zuhause. Die Tränen, die über mein Gesicht liefen, und das Rascheln der Pflanzen, die meine Beine streiften, nahm ich dabei nur am Rande wahr.
Gabriels Vorschlag davonzulaufen, wäre ich zu gern nachgekommen, aber da meine Eltern mit ihrem kleinen Fotoatelier gerade genug verdient hatten, um uns über die Runden zu bringen, hatten sie mir lange nicht genug hinterlassen, um nicht unter der Brücke schlafen zu müssen.
Erst als ich ein tiefes bedrohliches Knurren, gefolgt von einem kurzen, aber kräftigen Bellen vernahm, wurde ich aus meinen Tagalbträumen gerissen. Mit aufgestellten Nackenhaaren starrte Hazel wie versteinert in den überwucherten Wald hinein. Erschrocken drehte ich mich einmal um die eigene Achse, doch alles, was ich sah, war das Dickicht kniehoher Farne, umsäumt von haushohen Bäumen. Wir waren fernab von Wegen oder Trampelpfaden, schlagartig überkam mich Panik. Wann waren wir vom Pfad abgekommen und was hatte Hazel gewittert? Wie sollte ich bloß wieder nach Hause finden? Um Hilfe zu rufen, dürfte hier draußen nicht sehr viel bringen und einfach blind drauflos laufen hatte mich schließlich erst in diesen Schlamassel gebracht.
Zumindest einer Sache war ich mir sicher, Hazels Spürnase würde uns nicht aus dieser heiklen Situation retten.
Erneut sah ich mich um und versuchte, unsere Spuren zurückzuverfolgen. Ich ging ein Stück, bis ich auf eine kleine niedrig bewachsene Lichtung traf. Irgendwo in weiter Ferne hörte ich das Rauschen eines Flusses, allerdings kannte ich mich in der Umgebung so wenig aus, dass auch er mir bei der Orientierung nicht weiterhelfen würde. Kaum stand ich auf der Lichtung, hörte ich ein lautes Rascheln. Erschrocken drehte ich mich nach Hazel um, die zu meiner Linken kauerte und in Richtung des Geräusches starrte. Den Mut zu bellen, hatte sie inzwischen offenbar verloren.

Eine längere Leseprobe findet ihr bei Amazon.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *